MusikTexte 153 – Mai 2017, 95–96

Aha, der Mensch! 

Forum neuer Musik im Deutschlandfunk Köln

von Svenja Reiner (I) und Rainer Nonnenmann (II)

I: Ideologisch bevormundend

Kennen Sie das Anthropozän? Ich kannte es nicht, aber scheinbar leben wir darin: Das Anthropozän ist der Versuch von Geologen, die Einflüsse der Menschheit auf den Planeten zu benennen; Klimawandel, globale Verschleppung oder Aussterben von Tieren und Pflanzen, Ausbreitung von Plastik, Aluminium, Betonpartikeln, Flugasche und radioaktivem Fallout, Lichtverschmutzung – all das sind Auswirkungen menschlichen Lebens auf der Erde. Mit dem Untertitel „Verantwortlich für die Zukunft“ widmete sich das Forum neuer Musik im Deutschlandfunk diesem komplexen und interdisziplinären Thema unter mehreren Blickwinkeln: Anhand des Schaffens des Komponisten Friedrich Schenker, mit Vorträgen zu Fragen von verantwortungslosem Leben, moralischen Phantasien oder der Intelligenz der Pflanze, und natürlich: viel Musik. „Es geht nicht allein um CO2-Ausstoß und Nitrate im Boden,“ so Festivalleiter Frank Kämpfer vorab. „Ohne Worte kann diese Musik vielleicht ausdrücken, was Wissenschaft und Politik noch nicht sagen können: Was bedeutet all dies für das Mensch-Sein in Gegenwart und Zukunft?“

Die Matinée in der Hochschule für Musik und Tanz, zum neunten Mal Partnerin des Deutschlandfunks, reiht Vortrag an Vortrag über Schenker, über die Komponisten und Denker seiner Generation: „Die hatten das drauf, die wussten, warum das gemacht wurde.“ Wissenschaftliche Distanz? Nein danke. Heroenerzählung? Ja, bitte. Wenn wir den Ausführungen von Stefan Amzoll glauben dürfen, war Schenker mindestens ein Halbgott und seine Musik die Offenbarung. Das Anspielen von Ausschnitten mehrerer Stücke ist weder ästhetisch noch pädagogisch befriedigend, aber Amzoll reiht Schnipsel an Schnipsel, es quietscht, zischt, klackert, die Stimme kiekst, gluckert und flüstert, dazwischen lernen wir, dass Schenker keine Popmusik mochte, aber sehr sinnlich war. Wie subversiv! An meinem Widerstand merke ich, dass scheinbar alles, was alte Männer als revolutionär und spröde empfinden, mir fürchterlich unsympathisch und konservativ erscheint. Nina Noeske gibt zumindest ein wenig Kontext und erläutert die Rolle von Themen wie Umweltschutz in den Siebzigerjahren. Insgesamt fühle ich mich ideologisch bevormundet und gehe in der Pause.

Am Nachmittag diskutieren Hilal Sezgin, Ludger Honnefelder und Reinhold Leinfelder über die Frage des verantwortungslosen Lebens; es wird angenehm komplex. Menschen haben schon immer die Umwelt verändert, aber was die Begriffsfindung Anthropozän auch angeregt hat, ist die Zunahme des Tempos seit der Industrialisierung. Was ist also zu tun? Veganerin Sezgin plädiert für Tierrechtsdiskussionen und ein verändertes Verhältnis zur Natur, und ist dabei so eloquent wie klug: Warum unterscheiden wir doch gleich zwischen uns und anderem Leben? Tiere spielen, fühlen, träumen und gebrauchen Werkzeuge – sind dem Menschen also gar nicht so unähnlich. Einen ethischen Veganismus einzuüben, mehr Gewaltfreiheit und andere Formen von Genuss und Lebensfreude zu entwickeln, kann nicht zu viel verlangt sein; es braucht eine Kultur, die nicht auf Kosten von anderen Lebewesen oder der Natur geht.

Anna Schürmers anschließende Ausführungen zur „Missa nigra“, der schwarzen Messe von Schenker, die am Abend vom ensemble 20/21 unter der Leitung von David Smeyers aufgeführt werden soll, lassen Schlimmes ahnen. Sie zeigen Videomaterial aus der Uraufführung dieses „Warnrufs von 1979“, der sich recht plakativ mit der Bedrohung durch die Neutronenbombe auseinandersetzt: Die Gruppe Neue Musik Hanns Eisler trägt kunstblutbefleckte weiße Leinengewänder, fledermausähnliche Masken, ein Oboist „erstickt“ beim Spiel. Am Abend folgen dann sechzig Minuten Musik und Theater, die das Wunder vollbringen, musikalisch komplex und zugleich peinlich in der Inszenierung zu sein. Smeyers wird im Sarg auf die Bühne gerollt, seine Musiker/innen muten in blutbefleckten Kopfbandagen und abgehackten Bewegungen wie Zombies an, das Publikum ist erstaunt, belustigt und schamvoll. Es werden ein Sprengsatz, leere Gläser und imaginierter Schnaps, eine Plastikpistole, Sonnenbrillen, Zeitungen, tote Schaufensterpuppen, Spielgeld, Aktenkoffer, Gas­masken und eine Wasserballweltkugel auf die Bühne gezerrt, diesmal stirbt der Akkordeonist, und die erste und einzig echte Emotion ist unfreiwillig, weil die Pappmachébombe beim lustvollen, satirischen, aber mindestens: kritischen Hin- und Herwerfen zerbricht und die Spieler kurz ins Stocken geraten. Hat jemand Hurtz gesagt? Nach dem Ende des Trauerspiels ist die Anzahl meiner Gedanken über den Untergang der Welt gleich null. Anzahl meiner Gedanken über den Untergang der Neuen Musik: zu viele.

Am nächsten Tag scheint die Sonne. und genauso klar und frisch präsentieren Ludwig Abraham und Andy Ingamells die Uraufführung von „Peoples Age“, einer mehrschichtigen Musikperformance, die immer wieder aus dem geloopten Rahmen der Radioshow ausbricht und Metakommentare zu Kunst, Entertainment, Mythos und Realität bringt. Dabei sehen wir die Entstehung des angespielten Musikstücks rückwärts, am Ende regnet silbernes Konfetti von der hohen Decke der Kunst-Station Sankt Peter auf Publikum und Performer. Welche Rolle dreißig schwarze Luftballons dabei spielen, bleibt unklar; trotzdem ist „Peoples Age“ eines der wenigen Stücke, bei denen man der Aufforderung, es mehrere Male zu sehen und hören, gerne nachkommt.

Am Nachmittag erklärt Harald Schwaetzer die menschliche Phantasie nach Günther Anders als Wahrnehmungsaufgabe: Vorstellen kann man sich zehn Tote, in Kriegen sterben aber Zehntausende. Um diese Diskrepanz zu verdeutlichen, um dieses Leid erfahrbar zu machen, kann Musik ein exemplarischer Ort sein, um die gewöhnliche Verfasstheit gegenüber dem Anthropozän zu überwinden und eine Moralität (weiter) zu entwickeln. Leo­nie Reineke knüpft an diesen Gedanken an und erklärt, dass die Intelligenz der Pflanze (Stefano Mancusos) häufig nicht erkannt wird, weil sie sich von menschlicher unterscheidet. Pflanzen schmecken die Qualität der Erde, fühlen Licht, Luft und Widerstände im Boden, manche kommunizieren und produzieren Laute: aber eben nicht für den Menschen hörbar. Reineke ist auch die Erste, die die Leinwände im Deutschlandfunk ansatzweise nutzt, die Sprechenden vor und nach ihr unterschätzen die Konzentra­tionshilfe, die visuelle Hilfsmittel zu ausformuliertem Wort bilden, und reden dreißig bis sechzig Minuten lang ohne Unterbrechung.

II: Homo sapiens

Vorweltliche Geräusche zittern durch den Saal: Pochen, Klopfen, Scharren – plötzlich Säuglingsgeschrei: Aha, der Mensch! Über die neue Spezies erfolgen anatomische Beobachtungen: Bemerkenswert sind ihr großes, besonders stark gewundenes Gehirn und der aufrechte Gang. Georg Katzer montiert im Hörstück „De natura hominis“ Zitate des Materialisten La Mettrie – „Ich habe bei meinen Sezierungen die Seele nicht gefunden“ – mit Worten Friedrichs des Großen und stiefelknallendem Militär: Kaum laufen gelernt, marschiert Homo sapiens auch schon zackig einher. In der Mitte des Kammermusiksaals des Deutschlandfunks sieht man dazu ein Gerippe wie aus dem Biologieunterricht. Es lehnt, mit der Hand auf einem Tablet-Computer, lässig am Stehtisch. Dazu gesellt sich plötzlich der künstlerische Leiter, DLF-Redakteur Frank Kämpfer, verkleidet als ergrauter Tippelbruder unter Albert-Einstein-Perücke. Nebenher Chips futternd und Red Bull trinkend liest er dem Knochenmann aus Fachliteratur über einschneidende Prägungen vor, die der Mensch binnen kürzester Zeit dem Ökosystem des Planeten Erde aufgedrückt hat. Als überraschende Slapstick-Einlage vielleicht willkommen, wuchs sich die Lesung jedoch zu epischer Länge aus. Und schon am Vor­tag hatte Kämpfer ein Hörstück über die „Wolfs­schlucht“-Szene aus Webers „Freischütz“ beigetragen. Doch Ver­anstal­ter sollten sich nicht auch noch selbst veranstalten.

Auch die anschließende Uraufführung von Malin Bångs „Kudzu/the sixth phase/“ bot das Szenario einer sich selbst auslöschenden Menschheit. Zu Beginn wurden auf einem Flip-Chart nach oben schnellende Graphiken gezeigt: wachsende Welt­bevölkerung, ansteigender CO2- und Methan-Gehalt der Atmosphäre, Erderwärmung, et cetera. Spärlichen ästhetischen Mehrwert erhielt das langweilige, weil lange bekannte und keinen mehr nervös machende Schulwissen durch große Sanduhren, in denen hör- und sichtbar die Zeit verrann, die noch bleibt, um die beschworene globale Katastrophe abzuwenden: Polkappenschmelzen, Über­schwem­mungen, Dürren, Hungersnöte, Kriege … Das Rieseln des Sands wurde vom Ensemble „The Curious Chamber Players“ aufgegriffen. Während knapp einer Stunde schuf die 2003 von der schwedischen Komponistin gegründete Formation eine gleichförmig sich hinziehende Geräuschkulisse aus elektronisch verstärktem Kratzen, Reiben, Schlagen, Blasen: Das Unheil sehend, werkelt man einfach weiter. Und tatsächlich wird vor allem dem Auge etwas geboten: Photos und Texte über Wassermangel in Kalifornien, Luftverschmutzung in China und pflanzliche Rekorde: Der Bambus wächst einen Meter am Tag und die titelgebende asiatische Schlingpflanze „Kudzu“ überwuchert Häuser, Bäume, Fahrzeuge und wirkt als andere Arten aggressiv verdrängender Neophyt. Endlich münden panikartige Verdichtungen des Ensembleklangs in hektisches Hyperventilieren der Flötistin: Der Druck im Kessel steigt – schlechte Aussichten für Homo sapiens!

Im Schlusskonzert in der Kunst-Station Sankt Peter spielte Dominik Susteck „“ (Ohne Namen) von Samir Odeh-Tamimi. Das Stück nutzt die große Palette an ungewöhnlichen Perkussions-Registern der dortigen Spezialorgel und ist den namenlosen Opfern von Gewalt gewidmet. Als Ausdruck von Brutalität, Schmerz, Leid gemeint, lassen sich die haptisch und körperlich zupackenden Klänge jedoch auch als kraft- und lustvoll rockende Lebensfreude erleben. In den uraufgeführten „Canonic Scenes“ von Yasutaki Ina­mori ließ Schlagzeugerin Rie Watanabe Tischtennisbälle nach genau vorgeschriebenen kanonischen Folgen mit verschiedenzahligen Aufprallern in japanische Reibegongs fallen: Statt Furie der Verschwendung hypertrophen Klangmaterials, sparsam ökologiebewusster Um­gang mit den gewählten Ressourcen. Schlagzeug, Orgel und Audio-Zuspiel kombinierte schließlich Gerald Eckert in „meltic away“. Wie bei Eis- und Warmzeiten bot das mehr als halbstündige Stück einen Wechsel aus punktuellen Kristallisationen und flächig sich verströmendem Schmelzwasser: milchig-trüb, kalt und kaltlassend.