MusikTexte 154 – August 2017, 97–98

Alt und jung

Wittener Tage für neue Kammermusik

von Rainer Nonnenmann

Ausgerechnet das älteste Stück im Festivalprogramm erwies sich als eines der radikalsten: Sechs Sätze aus jeweils einem einzigen Klangereignis: Tremolo, Finger von der Saite abheben, Aufstrich ff mit einem Bogen, Abstrich pp Flageolett, Repetition, finales Pizzikato. Nicolaus A. Huber schrieb seine „Musik für Violine allein“ 1962 (abgedruckt in Heft 2 der MusikTexte) noch als Schulmusikstudent der Münchner Musikhochschule. Dem 1939 in Passau geborenen Komponisten widmeten die diesjährigen Wittener Tage für neue Kammermusik das hier übliche Porträt. Im Gespräch mit Michael Struck-Schloen bewies der langjährige Professor an der Folkwang Hochschule Essen einmal mehr, wie genau und umfassend er sämtliche Komponenten des Klingenden analysiert und komponiert, neben den üblichen Parametern auch Geste, Intonation, Körper, Psyche, Archetypik, Triebhaftigkeit, Gesellschaft und Politik. Neben weiteren vom Ensemble Modern und dem auszeichneten Trompeter Paul Hübner interpretierten Solowerken gab das WDR-Sinfonieorchester Köln unter Leitung von Pablo Rus Broseta die Uraufführung des Kammerorchesterstücks „Split Brain“. Statt sein Stück wie viele andere mit einer Coda für außermusikalische Bezüge zu öffnen, stellte Huber diesmal ein „Solo-Shrug (,Emotionale Reste‘)“ voran, in welchem der Dirigent dem Publikum bedeutungsvolle Zeichen gab: Siegerpose, Revolutionsgruß, Daumen hoch und runter, Stinkefinger, Segens- und Gebetsgeste, Merkel-Raute et cetera. In der nachfolgenden Musik konnte man dann gestische Pendants entdecken: auftrumpfende Paukelwirbel, ffff -Tutti-Akkorde, lange Liegetöne, sanfte Striche, Repetitionen …

Während Huber Einzelereignisse genau beobachtet und musikalisch neu definiert, ist in Stücken von Philippe Manoury jeder Ton bereits funktionaler Bestandteil traditioneller Kategorien wie Melodie, Harmonik, Instrumentation, Bewegung, Rhythmus. Der weltweit arrivierte Komponist schreibt passgenau für das klassische Instrumentarium – brillante Figurationen, Läufe, Triller, Sprünge –, was Musiker gerne und meisterhaft spielen. Doch seine neuen „Passages“ blieben trotz akrobatischer Virtuosität risikolos und moderat, da sie an keiner Stelle den Rahmen des bewährten Metiers verlassen. Ähnlich Manoury, der dem Soloklarinettisten Thorsten Johanns zwei Doppelgänger-Klarinettisten an die Seite stellte, integrierte Clara Iannotta den von Präparationen und erweiterten Spieltechniken geprägten Solopart ihres Klavierkonzerts „Paw-marks in wet cement“ nahtlos in das – in Deutschland bisher kaum bekannte – Ensemble Orchestral Contemporain aus Lyon unter Leitung von Daniel Kawka. Zudem zeigte das Stück ein Ex­trem an Kontrapunktik: Hier distinkte Einzeltöne und mit E-Bow angeregte Klaviersaiten, dort diffuse und elektronisch im Raum diffundierende Ereignisse, zerbröselndes Styropor, Finger-Gribbeln, Waldteufel-Knarzen und durch die Luft schwingendes Metallgestell.

Eine Art Super-, Hybrid- oder Meta-Instrument kreierte auch Malika Kishino in „Ochres II“, wo sich ein solistisches Holzbläsertrio harmonisch-klangfarblich im Ensemble fortsetzt, als würden Farbtupfer auf feuchtem Aquarellpapier zu ziselierten Flächen und Lineamenten zerfließen. Ondrˇej Adámek verwendete in „Conséquences particulièrement“ abermals die von ihm seit 2011 mehrfach optimierte „Airmachine“, bestehend aus mehreren Schläuchen mit ausströmender Luft, auf die sich Tröten, Pfeifen, Ballons, Putzhandschuhe und Quietsche-Gummitierchen stecken lassen. Nach ersten Lach­effekten verliert das ebenso hör- wie sichtbare Treiben jedoch seinen Reiz, obwohl es sich gekonnt instrumentiert in quakenden Blech-, schnatternden Holzbläsern sowie folkloristischer Tanzmusik fortsetzte. Martin Grütters „Die Häutung des Himmels“ überfiel das Publikum mit unvermutet los- und abbrechenden fff -Attacken, sirrenden Holzbläsern und Crotales, wagneresken Naturmotiven von Horn und Posaune sowie dem im Rücken des Publikums kraftvoll agierenden Schlagzeuger Rainer Römer: Ein starkes Debüt in einem Wittener Jahrgang mit erfreulich vielen jüngeren Komponistinnen und Komponisten.

Für Überraschung sorgte indes auch Altmeister Brian Ferneyhough. Die insgesamt elf zwischen 2001 und 2017 entstandenen Solo-, Duo-, Trio-, Quartett-, Quintett- und Ensemblestücke seiner „Umbrations“ basieren allesamt auf Choralthemen des englischen Renaissance-Meisters Christopher Tye. Der Zyklus ist eine schrittweise Annäherung an diese bald fünfhundert Jahre alte Musik. Er beginnt mit ungemein dichten Melodie-, Tempo- und Rhythmusschichtungen, wie man sie von Ferneyhough kennt, mit Verhältnissen wie 41 : 18 und im für Lukas Fels komponierten Cello-Solostück „In Nomine“ mit Eintausendvierundzwanzigsteln und Zweitausendachtundvierzigsteln, also rhythmischen Notenwerten mit acht beziehungsweise neun Balken! Da die Cantus-firmus-Melodien nach allen Regeln komplexistischer Kunst gestaucht, gespreizt, gestückelt und geschichtet werden, dringen traditionelle Gesten zunächst kaum durch. Die weitere Stückfolge lässt sie jedoch deutlicher hervortreten: In Nummer 3 „Totentanz“ reißen Crescendi sujetgerecht abrupt ab, in Nummer 4 „Lawdes Deo“ ertönt ein gregorianischer Modus in Klavier und Glocken, im letzten Stück „In Nomine a 12“ erscheint schließlich ein Choral unverstellt, doch metallisch verbeult auf der Steeldrum. Das Streichquartett „The Silk House Sequences“ des zweiten britischen Altmeisters Sir Harrison Birtwistle basierte auf typisch motorischem Getriebe, das vereinzelt zitatartige Wendungen (etwa aus Bizets „Carmen“) einsaugt, zermahlt und fein geschrotet wieder ausspuckt.

Entsprechend der Gastspiele von Arditti und Jack Quartet gab es viele Streichquartette und Doppelquartette, neben Ferneyhough und Birtwistle von Oscar Bianchi, Milica Djordjevic´, Rand Steiger und Philippe Hurel. In „Your Body Is a Vol­ume“ von Timothy McCormacks – 1984 in Ohio geboren – ist wie bei Huber von vornherein nicht klar, ob es sich bereits um Musik oder nur um ein Klangphänomen handelt, das wie unter dem Rastermikroskop durchleuchtet wird. Als erster beginnt der Bratschist seinen Bogen unendlich langsam, doch druckvoll über eine Saite zu ziehen und die Anstrichstelle behutsam zwischen Steg und Griffhand zu verlagern. Der Bogen teilt auf diese Weise die Saite in zwei abwechselnd länger und kürzer werdende Abschnitte, deren unterschiedliche Schwin­gungseigenschaften dem obertonreichen, geräuschvoll-iterativen Klangresultat zusätzliche Glissandofärbungen aufmodulieren. Der Reihe nach setzen dann auch die übrigen Streicher ein, so dass sich die nahezu unmerklich gleitenden Mixturen kanonisch zu verschieden dichten, höher und tiefer flirrenden Gemischen überlagern. Die ungeheure Körperbeherrschung der exzellenten Musiker des Jack Quartet übertrug sich während der halbstündigen Aufführung unwillkürlich auf das angespannt lauschende Publikum. Hätte der Bratschist zu vormitternächtlicher Stunde mit einem einzigen weiteren Einsatz eine erneute Rausch-, Knarz- und Knurr-Runde eröffnet, wäre im Publikum wohl mancher ausgerastet. Mikrodimensionale Virtuosität in Gestalt extremer Differenzierung von Details zeigten beim diesjährigen Newcomer Konzert des IEMA Ensembles auch die zarten Flageoletts und Glissandi des Streichtrios „Lalayi“ von Farzia Fallah sowie in Elena Rykovas „You exist“ die Verknüpfung von leise rasselnder Trommel mit sanft über die Saiten springendem Cellobogen.

Angesichts der Dominanz von Kammermusik im engeren Sinn der Gattungstradition blieben andere Arten kleinbesetzter Musik außen vor. Nicht vertreten waren Performance, Improvisation, intermediale Arbeiten, theatralisches Kammerspiel sowie „Kammerelektronik“ etwa in der Ausprägung von Roman Pfeiffer. Alternative Präsentationsformen boten lediglich ortsspezifische Freiluft-Aufführungen und Klanginstallationen entlang des idyllisch gelegenen Hammerteichs. In Gordon Kampes „Wasser/Eichen/Stimmen“ sangen ein örtlicher Laienchor und ein Vokalquartett durch Wald und Tal, schipperten kleine Modellschiffchen mit Lautsprechern durchs trübe Nass, um Chöre und Opernarien hören zu lassen, und präsentierten „Geschichten-Zapfsäulen“ (Tablet-Computer mit Kopfhörern) Erzählungen von Einheimischen sowie Aufnahmen von Arbeits-, Heimat-, Schunkel- und Trinkliedern des lokalen Männergesangsvereins „Deutsche Eiche Hammertal“. Thomas Taxus Beck brachte über Akku-Lautsprecher und aus der Erde ragende Metallrohre gleichsam den historischen Bodensatz des Orts zum Sprechen: Aufnahmen aus historischen und aktuellen Schmieden, Gespräche mit Spaziergängern, sowie Geräusche der dortigen Natur. Einen fernen Nachhall des Hammerwerks, das seit dem frühen achtzehnten Jahrhundert bis zum Abriss 1900 am Ausfluss des Borbachs in die Ruhr stand, plazierten Jens-Uwe Dyffort und Roswitha von den Driesch mit einer Serie von sechs Stahlscheiben-Rohlingen, die – von kleinen elektronisch gesteuerten Hämmerchen angeschlagen – durch das stille Waldtal klirrten. Metall über Wasserfläche und Waldhänge schallen ließ auch Barblina Meierhans, wenngleich in veredelter Weiterverarbeitung zu Blechblas- und Schlaginstrumenten. Während ihr „Let’s sit down and enjoy ourselves“ dem Besucher zudem gestattete, über Kopfhörer das sich unterhaltende Publikum zu belauschen, erlaubte Cathy van Ecks Installation „Erster Versuch den Wind zu drehen“ dem Besucher, einen über Lautsprecher sanft säuselnden Lufthauch durch Anpusten eines Windmessers zur wilden Sturmbö zu steigern: Innerhalb einer klar definierten Versuchsanordnung ein interaktiver Selbstversuch – sprich Kammermusik! – zum vom Menschen gemachten Klimawandel.