MusikTexte 158 – August 2018, 0–0

Genius loci coloniensis

Bernd Alois Zimmermann beim Kölner Festival „Acht Brücken“ 2018

von Rainer Nonnenmann

Anlässlich seines hundertsten Geburtstags waren und sind dieses Jahr vielerorts Konzerte mit Werken von Bernd Alois Zimmermann zu erleben. Besonders umfassend gewürdigt wurde der Komponist in seiner Heimat und Wirkungsstätte Köln: Die Bernd-Alois-Zimmermann-Gesellschaft veranstaltete mit der Hochschule für Musik und Tanz Köln ein dreitägiges musikwissenschaftliches Symposion „B. A. Zimmermann – Komponieren im Schnittpunkt der Medien“; die Oper Köln zeigte im Staatenhaus eine sowohl musikalisch-sängerisch wie szenisch eindrückliche Neuproduktion der Oper „Die Soldaten“ durch Regisseur Carlus Padrissa und sein Team La Fura dels Baus; und das Festival Acht Brücken widmete dem Jubilar ein dreißig Werke umfassendes Porträt. Zu dessen Eröffnung spielte das WDR Funkhausorchester eine kleine Auswahl aus den rund zweihundertfünfzig Auftragsarbeiten, Instrumentationen, Arrangements und Hörspielmusiken, die Zimmermann meist für den damaligen (N)WDR schrieb, um für sich und seine Familie den Lebensunterhalt zu verdienen. Teils nach Jahrzehnten erstmalig wieder zu hören waren das norddeutsche Volkstanzpotpourri „Söbensprung“ sowie ebenfalls um 1950 entstandene Instrumentationen von Stücken von Milhaud, Mussorgsky, Rachmaninow und Offenbach.

Auch aus Zimmermanns kanonisiertem Œuvre ließen sich einige selten gespielte Werke neu entdecken. Das Ensemble Modern spielte unter Leitung von Brad Lubman das erste Cellokonzert „Canto di speranza“. Das Fundament dieses als „Kantate“ bezeichneten Konzerts von 1956, dessen instrumentale Gesangspartie Solist Michael M. Kasper gestaltete, bildet eine zwischen Schlagzeug, Klavier und Pizzikati wandernde Pulsation, die nach motorischen Verdichtungen und tänzerischer Kadenz am Ende stark verlangsamt wiederkehrt, gleichsam „in modo di blues“, wie es in Zimmermanns Partituren des Öfteren heißt. Die im selben Jahr vollendeten acht Klavierstücke „Konfigurationen“ waren sowohl durch Pianist Uli Wiget als auch in einer Instrumentation durch Johannes Schöllhorn zu erleben. Die differenzierten Anschlags-, Pedal- und Nachgreiftechniken, die ausklingende Töne und Akkorde filtern und umfärben, versuchte Schöllhorn auf das vielfarbige Solistenensemble zu übertragen. Zimmermanns serielle Musik wirkte dadurch jedoch nicht farbiger, sondern nur noch punktueller, als sie auf weite Strecken ohnehin schon ist. Denn Anschlag für Anschlag wechselten nun nicht nur Tonhöhe, Dauer und Dynamik, sondern von Ton zu Ton auch die Instrumente, welche die intendierten Klangschatten nicht verdeutlichten, sondern trennten. Eindrücklicher wirkten drei Stücke aus Schöllhorns Werkreihe „Anamorphoses“ nach Bachs „Kunst der Fuge“. Rhythmisierte Geräuschklänge wandeln sich zu realen Tonhöhen, Spielfiguren und schließlich zum originalen „Contrapunctus VI“, der durch übersteigerte Dynamik und Spitzenlagen jedoch gleichzeitig der komfortablen Spiel- und Hörzone entzogen wird. „Contrapunctus XI“ tönt wie durch langsam fließendes Gletschereis, zwar konserviert, doch gebrochen, verzerrt und entrückt. Und Bachs „Canon“ wird schließlich wie von einer Balkan-Banda gespielt, folkloristisch swin­gend, schrill, sprunghaft, mit anarchischen Ecken und Kanten.

Ein weiterer Höhepunkt dieser Zimmermann-Retrospektive war das Konzert der Reihe „Musik der Zeit“. Nach der Uraufführung 1963 brachte das WDR Sinfonieorchester Zimmermanns „Vokalsinfonie“ zu ihrer bejubelten Wiederaufführung. Der Komponist hatte hierzu drei Szenen aus den „Soldaten“ ausgegliedert und mit neuen Vor- und Zwischenspielen versehen, um mit auf sechs Solisten reduzierter Vokalbesetzung die Aufführbarkeit seiner zuvor von der Intendanz der Oper Köln als unaufführbar abgelehnten Oper zu beweisen. „Die Soldaten“ gelangten daraufhin tatsächlich 1965 zur Premiere. Dass diese Oper inzwischen längst international durchgesetzt ist und keines Beweises ihrer Praktikabili­tät mehr bedarf, macht die „Vokal­sin­fonie“ indes nicht überflüssig. Vielmehr behauptete sie sich als eigenständiges Schwesterwerk. Drei Duette demon­strie­ren hier eindrücklich, dass die Vokalpartien singbar sind, oft regelrecht arios und trotz groß besetztem Orchester durchweg strahlend präsent, zumal dank überragender Sänger wie Otto Katza­meier (Wesener) und Emily Hindrichs (Marie), die auch in der Hauptrolle der Kölner Opernproduktion begeisterte. Ohne Szene und Handlung lässt sich erleben, wie kammer­musikalisch, konzertant und durchsichtig Zimmermann viele Passagen gestaltet hat und wie eng er stellenweise dem Text der gleichnamigen „Komödie“ von Jakob Michael Reinhold Lenz folgt. Während Marie noch den süßen Worten ihres Verführers Desportes nachsinnt, ertönt ein schmeichelndes Fagottsolo dolcissimo. Und als die junge Frau ein nächtliches Gewitter heraufziehen ahnt, brechen die Pauken mit krachenden Donnerschlägen los, um deren unaufhaltsames Verderben unheilvoll zu beschwören.

Ein Erlebnis war auch die hochenergetische Aufführung der 1951 vollendeten Urfassung von Zimmermanns „Sinfonie in einem Satz“, ebenfalls durch das WDR Sinfonieorchester unter Leitung von Emilio Pomarico. Von der üblicherweise gespielten späteren Überarbeitung unterscheidet sich diese frühe Version durch dröhnende Orgeleinsätze sowie längere ruhige Passagen, die zwischen apokalyptischer Wucht für trügerische Momente der Stille und Aufhellung sorgen. Im sonst marschartig stampfenden und fauchenden Orchesterapparat klingen Schrecken des Zweiten Weltkriegs nach, an dem auch Zimmermann als Soldat teilzunehmen gezwungen war.

Am Maifeiertag bot Acht Brücken zu freiem Eintritt vier anspruchsvolle Konzerte ausgezeichneter Interpreten im WDR-Funkhaus und der Philharmonie, die auch von Menschen besucht wurden, die hier nur selten oder überhaupt noch nie waren. Das Orchester der Hochschule für Musik und Tanz spielte Zimmermanns „Rheinische Kirmestänze“ und zwei Uraufführungen für dieselbe Bläserbesetzung von Kölner Kompositionsstudentinnen. Die Spanierin Helena Cánovas i Parés bot weich verschleierte Harmonien mit unerwarteten Wendungen zu Füßestampfen, Zerreißen von Papier sowie Choralzeilen und Tänzen in der Manier von Gustav Mahlers Nachtmusiken. Ebenso eindringlich wirkte das Stück von Dariya Maminova, die mit hellem Sopran vom höchsten Balkon der Philharmonie – durch Megaphon und elektronische Doppelungen sanft verfremdet – melancholische russische Volksweisen sang und im Ensemble fortsetzen ließ. In voller Stärke spielte das Hochschulorchester Zimmermanns frühes „Impromptu“ sowie die Spätwerke „Stille und Umkehr“ und „Photoptosis“, wozu Dirigent Alexander Rumpf eine ebenso persönliche wie plausible Deutung voranstellte (siehe seinen Beitrag in diesem Heft). Bei Zimmermanns Konzert für Oboe und Orchester von 1952, dessen rhythmisch-motivische Spielfreude noch der musiksprachlichen Tradition verpflichtet ist, agierten die jungen Musikerinnen und Musiker in konzertantem Wettstreit mit dem exzellenten Solisten Christian Wetzel ebenso galant, kantabel und tänzerisch.

Eigenwillige Kontrapunkte zu den von Hannah Weirich und Matthias Buchholz brillant gespielten Zimmermann-Solosonaten für Violine beziehungsweise Viola setzte die Choreographin Britta Lieberknecht. Sowohl frei als auch parallel zu den Gesten, Rhythmen, Tempi und Energiezuständen der Musik bewegten sich die Tänzerinnen Neus Barcons Roca und Barbara Fuchs wahlweise akrobatisch, expressiv oder mit tändelnder Leichtigkeit. Wie eng Zimmermanns Musik mit anderen Kunstformen und Medien verbunden ist, zeigten auch die raffiniert instrumentierten und vom Ensemble Musikfabrik delikat gespielten Stücke zum Puppentheater „Das Gelb und das Grün“ sowie zum rhythmus- und perspektivreichen Film „Metamorphose“ des Schweizer Regisseurs Michael Wolgensinger. Darüber hinaus bot der Maifeiertag eine WDR-Filmproduktion über Zimmermann aus dem Jahr 1971 mit Erinnerungen von Zeitgenossen, darunter Stockhausen, Nono, Kagel, Henze und Heinrich Böll.

In Anlehnung an Zimmermanns „pluralistisches“ Komponieren mit unterschiedlichen Zeitschichten, Traditionen, Stilen und Genres präsentierte das Kölner Festival unter dem Motto „Metamorphosen/Variationen“ auch Programme mit wenig oder ohne Bezug zu Zimmermann. Das Netzwerk ON – Neue Musik Köln präsentierte vier Ensembles der Kölner Musikszene. Die junge Formation electronic ID machte ihrem Namen einmal mehr alle Ehre durch ausgiebigen Gebrauch von elektronischen Zuspielungen und Verstärkungen in Stücken von Benjamin Grau, Sarah Nemtsov, Alexander Schubert und Julian Siffert. Gegliedert wurde das durchkomponierte Programm von einer Licht- und Klanginstallation David Liftingers, der mittels Neonröhren ein flackerndes Blitzgewitter samt spannungsgeladenem Sirren und Knacksen hören und sehen ließ. Das ebenfalls in Köln ansässige international zusammengesetzte Kommas Ensemble begann mit Zimmermanns musikantisch-neoklassizistischer Sonate für Violine und Klavier von 1950, um zarte Schwebeklänge von Salvatore Sciarrino und Klaus Huber folgen zu lassen. Als Uraufführung erklang „Tala“ des 1981 geborenen Chilenen Francisco Goldschmidt, Preisträger des Bernd-Alois-Zimmermann-Stipendiums der Stadt Köln 2016. Glashaft zerbrechliche Mehrklänge einer Solobratsche wurden hier von dumpf pochenden Schlägen im Innenklavier grundiert.

Beim Finalkonzert des Internationalen Kompositionswettbewerbs Acht Brücken brachte MAM.manufaktur für aktuelle musik unter Leitung von Susanne Blumenthal drei vielfarbige Klangflächen-Stücke von Komponisten im Alter bis zu dreißig Jahren zu hoch konzentrierten Uraufführungen. Ausgewählt hatten die Werke aus rund fünfzig eingesandten Partituren die Juroren Brigitta Muntendorf, Johannes Schöllhorn, Susanne Blumenthal und Frank Hilberg. Den ersten Preis erhielt der in den USA lebende Chinese Gordon Dic-Iun Fung für „syk stemming ved solnedgang“, dessen große Besetzung und mikrotonale Intonation die reichste Harmonik entfaltete. Den zweiten Preis erhielt die Griechin Vasiliki Krimitza für „Gra-V“, das mit feinen Übergängen zwischen den Instrumenten aufhorchen ließ. Dritter Preisträger wurde der Tscheche Otto Wanke. Mit perfektem Handwerk wussten alle drei Musiker bestens zu instrumentieren und erweiterte Spieltechniken einzusetzen. Die Musik funkelte, strahlte, leuchtete oder raunte dunkel. Dennoch erlebte man den sinnlich-luxurierenden Sonorismus als Stagnation, da er auf Kosten von Struktur, Form und konzeptioneller Idee ging. Klingt die Musik der Jüngsten wie die ihrer einstigen Lehrer, so wirkt sie alt und kalt. Denn sie lässt eben jene wagemutige Frische, Frechheit und Reibung vermissen, mit der Unvertrautes sich von Bestehendem abhebt und geistige Hitze erzeugt.

Im Abschlusskonzert des zweiwöchigen Festivals fusionierten Musikfabrik und Concerto Köln zur dreißigköpfigen Großformation. Die Spitzenensembles für Alte und Neue Musik brachten unter Leitung von Stefan Asbury Hèctor Paras mahlstromartig dichtes „Orgia“ zur Uraufführung, das phantomhaft Fragmente aus Bachs „Johannespassion“ an die Oberfläche treibt. Die Unterschiede der historischen und modernen Instrumente verklumpten dabei allerdings zu stumpfem Grau. Martin Matalons neues Klarinettenkonzert „Trame XIV“ für Carl Rosman fiel unter die Kategorie „Neo“, die bekanntlich nichts Neues verheißt, sondern Rückgriff auf Bewährtes: konventionelle Konzertform, hyperagile Motorik und Virtuosität. Die Musik ist effektvoll, stellenweise witzig, durchaus auch zündend, vor allem aber geschwätzig und auf Dauer langweilig, weil durchweg erwartbar und strukturell konservativ. Martin Smolka schließlich setzte beide Ensem­bles vor allem abwechselnd ein, so dass sie ihre jeweils spezifische Spielweise, Klangfarbe und Intonation voll entfalteten. Zu Beginn seines 2006 bei den Donaueschinger Musiktagen uraufgeführten „Semplice“ wandert ein schlichter Dur-Akkord vom Cembalo zu Pizzikati im Innenklavier, ferner zur Laute und schließlich zur metallisch scheppernden Steeldrum. Die differenzierte Verklammerung der alten und neuen Instrumente huldigte so indirekt dem Kölner genius loci Bernd Alois Zimmermann und dessen pluralistischer Idee von der Einheit der sowohl rhythmisch-metrischen als auch stil- und musikgeschichtlichen Zeit.