MusikTexte 166 – August 2020, 87

Beckmesser’s Choice

Ausgewählte Scheiben neuer Musik

von Max Nyffeler

Breitgefächertes Spektrum

Die Deutsche Gesellschaft für Elektroakustische Musik (DEGEM) veröffentlicht jedes Jahr eine CD mit einer Auswahl neuer Kompositionen. Für Außenstehende eine gute Gelegenheit, sich einen Einblick in diese randständige Disziplin zu verschaffen. Die Edition 2019 deckt mit acht Stücken ein breitgefächertes Spektrum unterschiedlicher ästhetischer Ansätze ab. Es reicht von der mathematisch stringent durchdachten Klangstudie von Klarenz Barlow bis zum hörspielähnlichen Radiostück von Hans Tutschku. Dazwischen prozesshafte Stücke wie die auf Sprachähnlichkeit zielende Klangsynthese von Dirk Reith und der mehr narrative „Alchemic Process VI“ von Thomas Gerwin, die umweltbezogene Arbeit von Jan Jacob Hofmann oder die enigmatische, auf das Verschwinden der Klangspuren angelegte Arbeit von Johannes S. Sistermanns. Monika Golla und Nikolaus Heyduck arbeiten mit den Zufallsstrukturen von Störgeräuschen, Clemens von Reusner destilliert aus einem komplexen Grundmaterial eine farbige Palette neuer Klänge. Ob die Stückauswahl für die Vielfalt heutiger Produktion repräsentativ ist, kann ich nicht beurteilen, doch abwechslungsreich zu hören ist sie allemal. (Selbstverlag DEGEM, 2019)

Kompakter Chorklang

Die CD von Cecilie Ore beginnt vielversprechend: Die Aufforderung „Come to the Edge“ – es ist zugleich der Titel des ersten Stücks – wird eindringlich und variantenreich, aber nie aufdringlich wiederholt. Die weichen Dissonanzen des homophonen, harmonisch raffinierten Chorsatzes verleihen der Aussage subversive Kraft, der vokale Gestus erinnert an das italienische Madrigal und noch mehr an die disziplinierte Sprechchorpraxis der 1920er Jahre. Der „Rand“ ist die Grenze, wo das individuelle politische Engagement zur existentiellen Gefährdung wird, und der Imperativ ist klar: Weicht nicht zurück vor der Mac-ht! Konkret geht es um die feministische Gruppe Pussy Riot, deren Musikerinnen 2012 wegen ihrer umstrittenen Aktion in einer Moskauer Kirche zu Haftstrafen verurteilt wurden. Freies Wort, freie Kunst gegen das politische System. Mit einer Zitatenmontage von der Mystikerin Katharina von Siena bis zu den Pussies wird diese Solidaritätsbekundung intelligent untermauert und kompositorisch zu messerscharfen Strukturen geformt. Die Nordic Voices brillieren dabei mit deklamatorischer Präzision. In „Who do you think you are?“ wird die Empörung über eine Orgie ordinärer antifeministischer Beschimpfungen und Bedrohungen als schmucklose Sprechkomposition vorgetragen – eine Radikalästhetik, die angesichts der existentiellen Bedrohung einleuchtet. In der folgenden „Vatican Trilogy“ werden Bizarrerien aus der an Absonderlichkeiten reichen Geschichte des Papsttums akribisch ausgebreitet. Hier begegnet man wieder dem kompakten Chorklang des Beginns, und nun macht sich auf Dauer doch das begrenzte Ausdrucksspektrum des ansonsten technisch geschliffenen Chorsatzes bemerkbar. Die suggestiven, vermutlich anklägerisch gemeinten Wiederholungen wirken auf Dauer leicht zeigefingerhaft und machen aus dem Blick in die vatikanische Mottenkiste eine etwas längliche Erzählung. Ein kritischer Leckerbissen, die pikante Story von der päpstlichen Genitalschau, wird nur auf vegane Art zubereitet. Der satirische Tonfall, der manchmal leise aufblitzt, hätte ruhig krasser ausfallen dürfen. (Aurora, 2019)

Gut konsumierbar

„Wie Alexandre Tharaud Komponisten inspiriert“, heißt es auf dem der CD beigelegten Waschzettel des Labels, und der Pianist, der vorwiegend im französischen Repertoire von Rameau über Satie bis zu den Heutigen unterwegs ist, nimmt sich der drei Werke mit lockerer Virtuosenhand an. Das Hauptstück ist ein Konzert für die linke Hand und stammt von Hans Abrahamsen, mit dessen Karriere es gegenwärtig flott bergauf geht. An Einfällen fehlt es ihm nicht; im langen ersten Teil lässt er sie parataktisch Revue passieren, und danach teilt er sie auf fünf Satzfragmente mit je eigenem Charakter auf. Für Einheit des Verschiedenen sorgt das Gütesiegel „originell“ und für eine blitzblank polierte Oberfläche das Rotterdam Philharmonic Orchestra unter Yannick Nézet-Séguin. Nummer zwei auf der CD, „Future Is a Faded Song“ von Gérard Pesson mit dem hr-Sinfonieorchester Frankfurt unter Tito Ceccherini, ist ein kurzer, zweiteiliger Kommentar zur Klangwelt Ravels. Nummer drei, „Kuleshov“ von Oscar Strasnoy für Klavier und Kammerorchester (Les Violons du Roy, Matthieu Lussier), steht mit seinen abrupten Wechseln von abgründigen und skurril-überdrehten Abschnitten Abrahamsen erstaunlich nahe. Auch hier: musiksprachliche Versatzstücke in origineller Beleuchtung, grelle Farben und plastische Klanggestalten, die assoziativ aneinandergereiht werden. Drei gut konsumierbare, sauber gearbeitete Konzertstücke für den großen Saal und ein neugieriges Publikum. (Erato, 2019)

Phantastische Bildwelten

Es gibt Musikstücke, die unmittelbar über ihren Klang zum Hörer sprechen und ihr Innerstes wortlos offenbaren, und andere, die ihr reiches Potential erst in Verbindung mit begrifflicher Reflexion zur Entfaltung bringen. Die vom Ensemble Aventure eingespielten Kammermusikwerke von Michael Quell gehören zur zweiten Kategorie. Die Texte, die der Komponist zu den Stücken verfasst hat und deren Impuls im intelligenten Kommentar von Jim Igor Kallenberg aufgegriffen wird, wollen nicht einfach das Gehörte „erklären“, sondern sie erweitern das Komponierte zu einem mehrdimensionalen Raum von Gedanken und Assoziationen, die auf dem menschlichen Verstand nur noch begrenzt zugängliche Dinge verweisen: dunkle Materie, fluktuierende Systeme, Mystizismus. Als Vehikel für diese Gedankenflüge dient der ex­trem wandlungsfähige Klang, den Fahrplan dazu liefert die akribische Notation. So wird der Hörer mitgenommen auf eine Fahrt in ein Reich der freien Assoziationen und phantastischen Bildwelten. Quells elaborierte Strukturen lassen kleine Dramen aufploppen und bilden überraschenden Volten. In „ – lass die Moleküle rasen“ nach Morgenstern, das sich zunächst im Schatten des Klassikers, Berios „Sequenza III“, bewegt, wird die akrobatische Stimme von Christina Simolka am Schluss mit feiner Ironie zum Duett verdoppelt. Gedanken von kosmischer Ferne schlagen in der klanglichen Erscheinung unvermittelt in körperliche Empfindungen um, luzide Struk­turen verwandeln sich in entsublimierte Klänge. So in „Dark Matter“, wo die hochgespannte, durch mikrotonale Schwankungen und Multiphonics angereicherte Musik plötzlich zu schmatzen, zu schnalzen und zu murmeln beginnt. Philosophische Spekulation und konkreter Klang stehen sich in diesen Stücken nicht beziehungslos gegenüber. Es sind Gegensätze, die ein­­ander bedingen. (Neos, 2019)