MusikTexte 168 – Februar 2021, 0–0

Freiheit ist die Mutter der Kunst

Eclat 2021 als reines Streaming-Festival

von Rainer Nonnenmann

Ein komplettes Festival wie Eclat mit dreizehn Konzerten ausschließlich online zu präsentieren, ist ein immenses Unterfangen, zumal wenn längst geplante Veranstaltungen nicht bloß im Radio übertragen oder im Internet gestreamt, sondern der neuen Situation mediengerecht und kreativ angepasst werden sollen. Für den aktuellen Corona-Jahrgang hatte ein Team aus Filmern, Ton- und Bildtechnikern, Kommunikations- und Webdesignerinnen eine Homepage erstellt, auf der das Publikum Zugangscodes erwerben und am bevorzugten Endgerät die Live-Streams von über dreißig Stücken, darunter rund zwan­zig Uraufführungen, verfolgen konnte. Ferner bot das Portal alle Informationen einer Festivalbroschüre: Programmfolgen, Werkkommentare, Kurzbiographien und Fotos der Mitwirkenden sowie diverse ­Videos, Installationen, Interviews, Chats, Spiele und Zoom-Meetings.

Dank perfekt funktionierender Organisation und Technik begannen alle Konzerte nicht nur auf die Sekunde pünktlich, sondern zeichneten sich auch durch durchweg gute und stabile Ton- und Bildqualität aus. Nach Auskunft der Intendantin Christine Fischer fand das Online-Festival nicht weniger Publikumszuspruch als sonst auch. Aufgrund solch positiver Erfahrungen überlegt der Veranstalter, Musik der Jahrhunderte, in Zukunft mehr hybride Formate zu entwickeln, die sich sowohl vor Ort im Theaterhaus als auch via Internet auf der ganzen Welt rezipiert werden können. An die Stelle des im Konzertsaal umherschweifenden Blicks traten wechselnde Kameraeinstellungen, Überblendungen, Schnitte sowie teils dezente Animationen während der Aufführungen und Umbaupausen.

Im Eröffnungskonzert „Voice Affairs“ stellte das Hausensemble, die Neuen Vocalsolisten Stuttgart, zu Videos von Panos Aprahamian sieben Uraufführungen von Komponierenden aus Syrien, Ägypten, Israel, Griechenland und dem Libanon vor. Die Videos zeigten vor allem Blicke aus Flugzeugen, Auto- und Zugfenstern oder Booten auf vorbeiziehende Landschaften, Wüsten, Industriegebiete, Küsten, Uferpromenaden, Meere, Flüsse, die zwar alle nichts mit der Musik zu tun hatten, die Augen aber beiläufig beschäftigten und statt abzulenken durch Monotonie zu gespanntem Hören aufforderten. Die Kompositionen bewegten sich zwischen ­Cynthia Zavens klangschönen „Madrigali d’Essilio“, Samir Odeh-Tamimis mit Blechdosen lärmendem „VROS“ und den ozeanisch wogenden Drones von Youmna Sabas „I covered the planet with a dried leaf“. Wer sich damit nicht ausgelastet fühlte, konnte unterdessen ein Kreuzworträtsel mit Fragen zum Konzert lösen.

Das Ensemble Resonanz unter Leitung von Peter Rundel präsentierte eine „Lockdown-Version“ des Blockflötenkonzerts „Whistle-Blower“ von Iris ter Schiphorst. Während die Streicher in Hamburg spielten, tauchte Blockflötist Jeremias Schwarzer dank vorproduzierter Audio-Video-Sequenzen in verschiedenen Gebäuden, Räumen und Gängen auf. Gegen virtuos erweiterte Spieltechniken setzte sich über weite Strecken ein marschartiger Puls durch, der alles in seinen Sog zog.

Alexander Schubert bot mit „Instrumental Convergence“ eine Expedition ins Zeitalter des Postdigitalen, in der alles Digitale so alltäglich geworden ist, dass es längst auch unser analoges Leben beeinflusst. Im Video werden die Bewegungen von fünf Streichern, die den Anweisungen einer Computerstimme folgen, digital erfasst: frontal blicken, Kopf nach links und rechts drehen, lächeln, schreien, lauter schreien, aufstehen, gehen, schließlich das Instrument spielen. Die kodierten Gesichter und Körper dienen dann als Spielmasse für eine künst­liche Intelligenz, die das Bild- und Tonmaterial zu chimärenhaften Hybriden überblendet, zu winzigen Replikanten miniaturisiert oder verdutzendfacht zu mosaikartigen Mustern gruppiert. Die ver­selbständigten Scans gestatteten schließlich keine Unterscheidung mehr zwischen Originalen, Kopien und Derivaten. Simulation, Halluzination, Wahr- und Falschnehmung konvergieren, denn, so Schubert: „Alle Wahrnehmung ist kon­struktiv. Keine Darstellung ist absolut. Alles ist kodiert. Und dekodiert …“

Von 173 Einreichungen wurde Laure M. Hiendl mit dem ersten, geteilten Kompositionspreis der Stadt Stuttgart für „Ten Bullets Through One Hole“ ausgezeichnet. Über den Bildschirm gefeuert werden Textfragmente aus Hardcore Pornos und Werbung für Waffen im Takt von Maschinengewehrsalven. Die „toxische Maskulinität“ verdrängt die Sängerinnen Viktoria Vitrenko und Natasha López auf eine winzige Videokachel an den Rand des Bildschirms, wo sie das sexistisch-militaristische Textmaterial auf ein und demselben minutenlangen Penetrationston abarbeiten. Der nach jedem Stück eröffnete Chat zeigte diesmal nicht die üblichen Einwortblasen „mega“, „hammer“, „cool“, „bravo“, „toll“ – alle mit mindestens drei Ausrufezeichen emphatisiert –, sondern in leichter Abwandlung „yuhuuuuuu“, „wow“, „voll rockmusik“ oder „ganz schön ernst!“. Den zweiten Preis erhielt Matthias Kranebitter für seine an der Schnittstelle Mensch/Maschine angesiedelte Komposition „pitch study no.1 / contra violin“. Die Elektronik mixt Noise, Glitches, Loops, Pop und Comic Sounds, um zum tausendsten Mal zu demonstrieren, wie bequem sich alles per Mausklick abrufen und arrangieren lässt. Derselben Ramsch- und Wühltischästhetik folgt der von Gunde Jäch eindrucksvoll gespielte Violinpart, der teils punktgenau mit der Elektronik abgestimmt, möglichst schnell durch beliebige geigerische Spielweisen hetzt: kantabel, schnulzig, virtuos, geräusch- und etüdenhaft.

In den Chats gab es neben reflexartig losbrechendem Jubel „super duper“ nur vereinzelt kritische Worte: „boring“, „soooo langweilig“, „unsinnlich“, „inhaltslos“, „old school“. Über die dabei in Anschlag gebrachten Kategorien hätte man in Pausengesprächen gerne diskutiert: Welchen „Inhalt“ meinte man bei einem Stück zu erkennen, den man beim anderen vermisste? Warum hielt man dieses Werk für „up to date“, während jenes zweifeln ließ: „is this music of the 21st century?“ Enttäuschte Reaktionen erntete vor allem das Konzert des ensemble recherche, weil die binauralen Aufnahmen über Kopfhörer – deren Benutzung mit Nachdruck empfohlen worden war – kaum spatiale und klangfarbliche Unterschiede gegenüber dem Hören mittels Stereolautsprechern erkennen ließen. Da hatte man zu Recht mehr erwartet. Am aufregendsten war Ricardo Eiziriks dystopischer „Placeholder“, dessen abstürzende Glissandi, scharfe Verzerrungen, dumpfe Geräuschdetonationen und schreiende In­stru­mente eine lähmende Szenerie aus Düsternis, Stagnation, Perspektivlosigkeit und Zukunftsangst verbreiteten. Das wäre schon eindringlich genug gewesen. Doch der Komponist räsonierte dazu mit einem humorig-verzweifelten Schwall an endlosen Untertiteltexten über alle möglichen und unmöglichen Bedingungen der Entstehung des Stücks zu Corona-Zeiten.

Das SWR Vokalensemble interpretierte die Uraufführung von Enno Poppes „Der Wechsel menschlicher Sachen“ auf einen Text des barocken Mystikers Quirinus Kuhlmann, der – wie die meisten Werktitel Poppes – fast ausschließlich aus einsilbigen Nomen besteht: „Leid, Pein, Schmach, Angst, Krig, Ach, Kreutz, Streit, Hohn, Schmertz …“ Die zwölf Stimmen überlagern lange Liegetöne zu mikrointervallischen Schwebungen, Akkorden und clusterartigen Komplexen, als wollten sie alle wechselvollen Zustände der Condition humaine verschmelzen. Einen gelungenen Farbwechsel zum sanften und reinen Vokalklang von Wolfgang Motz’ „Oda a la esperanza“ bot das Trio Greifer mit Marco Döttlingers „graben / wischen / Feder“, in dem drei E-Zithern durch Gitarrenverzerrer und Bottlenecks einen permanent modifizierten Klangstrom erzeugen. Dagegen entlockt Leopold Hurt in „Rossbreiten“ akustischen Zithern durch Skordatur schwebende Akkorde und mikrotonal verbeulte Folkloreanklänge. Das auf ein Kammerorchester reduzierte SWR-Sinfonieorchester unter Leitung von Pablo Rus Broseta präsentierte Kristine Tjøgersens „Bioluminiszence“, das auf dunkler Bühne wie ein nächtlicher Sommerwald atmosphärisch vibrierte, zitterte, knackste und sogar kleine Lichter wie Glühwürmchen umherschwirren ließ. Mit einer enzyklopädischen Unmenge verschiedenster Klangeffekte überladen wirkte Frank Bedrossians „Don Quixote Concerto“, in dem – parallel zum Solopianisten Christoph Grund – ein Assistent mit diversen Utensilien und Präparationen im Innenklavier hantierte.

Das Projekt „Echoes – Voices from Belarus“ bot fünfzehn kurze Videos belarusischer Künstlerinnen und Künstler, die in Kooperation mit Komponistinnen und Komponisten entstanden, die in den vergangenen Jahren bei Eclat vertreten waren. Alle Videos legten Zeugnis ab von den Unterdrückungen, Gewalttaten und Lügen des weißrussischen Autoritarismus sowie der Hoffnung und Entschlossenheit vor allem junger Menschen, dem Machtapparat zu trotzen und einer freiheitlichen Gesellschaft zuzuarbeiten. Den Anstoß zu diesem Projekt gab die Inhaftierung der Bürgerrechtlerin Maria Kalesnikava. Die charismatische Frau mit dem burschikos blondierten kurzen Haarschnitt hatte vormals an der Stuttgarter Musikhochschule Flöte studiert, zeitweilig für Musik der Jahrhunderte im Bereich Social Media gearbeitet, selbständig als Kuratorin gewirkt und zusammen mit Natasha López (Stimme) und Hugo Rannou (Cello) im Trio „vis-à-vis“ gespielt. Für die Präsidentschaftswahl in Belarus stellte sie Anfang August 2020 ihr Organisations- und Kommunikationstalent in den Dienst der Opposition. Und nach der gefälschten Wahl engagierte sie sich in vorderster Reihe für die Demokratiebewegung gegen Machthaber Alexander Lukaschenka. Anfang September wurde sie verhaftet und ist seitdem in Gefangenschaft. Im Rahmen von Eclat wurde Maria Kalesnikava der mit zehntausend Euro dotierte Menschenrechtspreis der Gerhart und Renate Baum Stiftung verliehen, den ihre Schwester für sie entgegennahm. Der aus Köln per Zoom zugeschaltete Stifter und ehemalige Bundesinnenminister verband seine Laudatio mit mahnenden Worten, auch in Deutschland und der Europäischen Union den Widerstand gegen Lukaschenka nicht zu vergessen. Bezogen auf die Musikerin und mutige Aktivistin sowie seine Stiftung zur Förderung der Menschenrechte und der neuen Musik zitierte Baum treffend Friedrich Schiller: „Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit“.